Musikverein Witten eV

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Presse 1996

Presse

WAZ, Februar 1996

Das "Liverpool Oratorium" in Witten

Paul McCartney blickt zurück

Zum Höheren strebt auch, wer mit Unterhaltendem reich wurde. Paul McCartney schrieb sein "Liverpool Oratorium" zum 150. Geburtstag der Royal Philharmonic Society seiner Heimatstadt.

Das Werk, das jetzt im Wittener Saalbau zu hören war, ist eine Gemeinschaftsarbeit: Der "klassisch" geschulte Carl Davis ging Paul McCartney zur Hand. Denn der Pop-Guru ist des Notenschreibens nicht so recht mächtig.
Das "Liverpool Oratorium", mit dessen Komposition das Team 1989 begann, ist auch tönende Biographie. Pauls Vergangenheit schimmert durch, wenn auch verklärt. Die Liebe, das Schwanken des Schicksals, die Arbeit und, zum glücklichen Schluss, die  Sehnsucht nach Frieden: „Gott ist gut?“
Das alles klingt gar nicht so hitverdächtig, sondern folgt gewissermaßen symphonisch erzählend der freien Form des Oratoriums. Andrew Lloyd Webber ist nicht weit.
Denn Stilvielfalt ist angesagt, wobei der Knabenchor (in Witten sehr zuverlässig: Essens Domsingknaben) britische Tradition heraufbeschwört, wobei Gefühle (der lyrisch ausgerichtete Tenor Daniei Gundermann und die einfühlsame Sopranistin Evi  Zelli als trautes Paar) nicht draußen vor bleiben. Alt und Bass (die vielversprechende Dagmar Linde und der sonore Gerhard Pauli) sind mit teils witzigen Einsprengseln Wegbegleiter des Geschehens, das man sich beinahe szenisch vorstellen könnte.
Um das Werk herauszubringen, wurden Sponsoren bemüht und Chöre zusammengeschweißt. Es war ein vom Dirigenten Hermann Kruse souverän gelenktes, auf unmittelbare Wirkung bedachtes Treffen der Region: Sänger aus Herdecke, Wetter und Witten  (auch Gymnasiasten), ein Projektchor aus Liverpool und die Domsingknaben aus Essen fanden zur inspirierten, machtvollen Einheit zusammen.
Das Westfälische Sinfonieorchester Recklinghausen leiste seine Arbeit allzu routiniert.

 

Ruhrnachrichten, 19. Februar 1996

300 Sänger drängten sich auf der Bühne im Saalbau

Oratorium berichtet über McCartneys bewegtes Leben

(bol) Eine solche Anzahl von Musikern hat die Bühne des Karl-Hoffmann-Saales selten erlebt: rund 300 Akteure führten am Freitagabend dort das seit Wochen ausverkaufte "Liverpool-Oratorium" von Paul McCartney auf. Die Leitung hatte Nachwuchsdirigent Hermann Kruse, der bereits als prämierter Komponist auf sich aufmerksam gemacht hat.

Nicht weniger als sechs Chöre wirkten mit bei diesem Mammut-Aufgebot, welches die Grenzen der Saalbau-Bühne deutlich darlegte.
Neben dem Musikverein, dem Konzertchor am Ruhrgymnasium, den katholischen Kirchenchören von Wengern und Herdecke und einem "Projektchor Liverpool" machten die Domsingknaben aus der Bischofsstadt Essen den wohl prominentesten Teil der riesigen Vokalgruppe  aus. Dazu traten vier Vokalsolisten und das Orchester.
Das chorsinfonische Opus, das über das bewegte Leben von McCartney berichtet, ist ein weltliches Oratorium mit durchaus geistlichen Elementen. Vom Musikstil her gehen der Ex-Beatle und sein ihn unterstützender Freund Carl Davis allerdings andere  Wege als etwa Bach, Händel oder Mendelssohn.
Hier werden die Möglichkeiten eines großen Sinfonieorchesters genutzt. Der "Sound" bewegt sich etwa zwischen Broadway und Bernstein. Gefragt ist weniger akademisch-thematische Arbeit. Wert legen die beiden Komponisten auf ansprechende Melodik und  imposante Effekte.
Der exakt, aufmerksam und vor allen Dinge eindeutig dirigierende Hermann Kruse offenbarte ein intensives Partiturstudium, hatte er den riesigen Apparat doch jederzeit sicher im Griff. Tonschön und ausgewogen klangen die teilweise vielstimmigen Chöre,  das helle Timbre des Knabenchores bildete einen reizvollen Kontrast.
Großes leisteten die vier Solisten mit Evi Zelli, Sopran, Dagmar Linde, Alt, Daniel Gundermann, Tenor und Gerhard Pauli, Bass. Die lupenrein ,geführte, lyrische Stimme der Sopranistin, das große Klangspektrum der Wittener Altistin und die gewitzte  Gestaltungskunst des souverän agierenden Bassisten sprachen für sich. Eine gute Leistung konnte auch Tenor Daniel Gundermann bescheinigt werden, wenn man sich für diesen Part, auch ein etwas "brustigeres" Timbre gewünscht hätte.
Das "Westfälische Sinfonieorchester", aus Recklinghausen/Gelsenkirchen ließ bei dem rhythmisch oftanspruchsvollen Orchesterpart viel Spielfreude erkennen. Das "Liverpool-Oratorium" füllte einen imposanten Abend. Eigentlich ist eine künstlerisch  und organisatorisch derart aufwendige Produktion für nur eine Darbietung viel zu schade.

 

WAZ, 9. Oktober 1996

Kulturgemeinde begann Konzertsaison in der Erlöserkirche

Musikfreunde hörten fantastische Fantasie

Das erste Konzert des Musikvereins im, Programm der Kulturgemeinde begann gar nicht so verheißungsvoll. Viele Besucherreihen blieben frei, der Programmausdruck konnte verwirren, und die einleitenden Worte waren kaum zu verstehen. Aber dann kam doch  alles ganz anders.

Der Chor, sicher und einfühlsam von Heinrich Karl Klein geleitet, nahm im A]tarraum der Erlöserkirche Annen am Samstagabend Aufstellung und begann mit zaghaftem Einsatz "Alta Trinita Beata". Ausgewogen ließ Klein den Chor einen dynamischen Aufbau  entwickeln, der konzentriert eingehalten wurde. Das einzige, was die Stimmung störte, war die gleißende Beleuchtung der Kirche. Aber daran musste man sich gewöhnen.
Abwechselnd mit dem Chor setzte der thüringische Organist Michael Schönheit ein. Beginnend mit Pachelbels Praeludium in d und einem sehr transparent gespielten Concerto h-moll von Johann Walther, folgte Bachs Fantasie und Fuge g-moll BWV 542. Seine  Bach-Interpretation ist einfach als fantastisch zu bezeichnen: kraftvoll die chromatischen Aufgänge der Fantasie, kantabel und geschwind die Fuge, die nichts an Deutlichkeit vermissen ließ.
Doch zurück zum Chor, der in den unterschiedlichen kirchlichen Gesängen eine bewundernswerte Leistung bot. Schön und freudig im Vortrag „jubilierten“ die Sänger in di Lassos Motetten und Chansons. Gut gelang auch der „Echo-Dialog“, ein Doppelchor aus dem Buch der Villanelle (1581), bei dem ein Teil des Chores von der Empore aus das Echo zu dem im Altarraum stehenden Chor gab.
Bei Bruckners Graduale-Motette hingegen schoss der Sopran übers Ziel hinaus und traf nicht immer die richtige Höhe. In den folgenden "Vater-unser-Vertonungen" war die Einheit jedoch wieder hergestellt.

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