Musikverein Witten eV

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Presse 2006

Presse

Foto WAZ 04.04.2006
"Bachs angenehmes Mordgeschei"


RN 03. April 2006

Großer Einsatz für Bachs Fragment

Annen - Den Höhepunkt seiner Arbeit des letzten Halbjahres setzte der Wittener Musikverein unter der Leitung von Hermann Kruse mit der Aufführung der Markus-Passion von Johann Sebastian Bach in der St. Joseph-Kirche Annen. Die vierzig Sängerinnen  und Sänger hatten dazu das Kammerorchester Witten engagiert und vier professionelle Vokalsolisten gewinnen können.

Die nur in Fragmenten überlieferte, besonders aufgrund der Anlage als Parodiewerk teilrekonstruierte Markuspassion aus dem Jahre 1731 kam in Reinhard  Keisers (1674-1739) Ergänzung zur Aufführung. Dabei handelt es sich um Rezitative und Turbae-Chöre  aus dem gleichnamigen Parallelwerk des Hamburger Domkantors .
War der Chorgesang vom ersten Ton an klar und rein, so hatten die Solisten mit der Akustik des Kirchenraumes ebenso zu kämpfen wie mit der zudeckenden Klanggewalt des basso continuo, das im Orchester durch Cembalo, Gamben, Cello und Kontrabass repräsentiert   wurde.
Den umfassendsten Part hatte Bernhard Scheffel (Tenor) zu leisten, der quasi als Lektor weite Passagen des Rezitativs mit Bravour bestritt. Dabei bewegte er sich stimmlich im hohen Register, näherte sich bereits dem Counter-Tenor. In seiner Arie "Mein   Tröster ist nicht mehr
bei mir" rutschte er allerdings, vor allem in den Koloraturen, ins tiefere Register ab, wo er deutlich an Klarheit verlor.
Alexander Schubert bot eine sehr angenehme, wenn auch hoch angelegte Basspartie, die aber insbesondere in den häufigen Dialogen
mit dem ebenfalls hohen Tenor gut harmonierte. Altistin Felicia Friedrich, ebenfalls ins Rezitativ eingebunden, vermochte sich hingegen kaum gegen das Orchester durchzusetzen.
Bettina Lecking konnte sich mit ihrem Sopran nach und nach steigern und die Arien des zweiten Teiles mit genügend Energie über das Orchester erheben. Die letzte, koloraturreiche Arie "Welt und Himmel, nehmt zu Ohren" wurde souverän eingeleitet   und bis zum Schluss begleitet durch das Konzertmeister-Solo von Birgit Stahl.
Getragene Choräle bestimmten nur einen Teil des Chorgesangs. Vielstimmig-kontrapunktische Stücke sowie Wechselgesang und Kanon setzten die Glanzpunkte. Am Pult strahlte Hermann Kruse eine bemerkenswerte, Werk und Anlass entsprechende Ruhe aus, dirigierte   mit sparsamem Gestus.

Martin Schreckenschläger

 

WAZ 04.04.2006

Bachs angenehmes Mordgeschrei

Eine wiederentdeckte Rarität:
Die Markuspassion in der St. Joseph-Kirche

Von Markus Bruderreck

Komponisten haben immer gerne und reichlich bei sich und anderen geklaut. Das gilt auch für Johann Sebastian Bach. Manche Bach-Forscher haben angesichts der vielen Plagiate gar den Respekt vor dem alten Meister verloren. Auch Bachs Markuspassion BWV  247 ist ein mithilfe von Musik-Recycling entstandenes Werk: Eine eigene Hochzeitskantate und Trauer-Ode hat Bach umgearbeitet. Bis auf den Text ist alles an der Markuspassion bis heute verloren. Zahlreich waren die Versuche, sie zu rekonstruieren.
Die Version, die nun vom Musikverein und dem Kammerorchester Witten unter Hermann Kruse zu hören war, ist eine Fassung mit Musiken von Reinhard Keiser, einem Zeitgenossen, den Bach sehr verehrte. Keisers eigene Markuspassion wurde hier gleichsam mit  der Bachs „gekreuzt“. Vor allem die Evangeliumserzählung stammt von Keiser, Anfangs- und Schlusschor, die Choräle und Arien sind von Bach.
Gleich zu Beginn: Eine schwere Nagelprobe für den Musikverein, der Eingangschor „Geh Jesu, geh zu deiner Pein“. Wenn hier noch einige Intonationsschwierigkeiten auffielen, so sang sich der Musikverein jedoch bald hörbar frei und beeindruckte  besonders in den Chorälen, die wie in anderen Bach-Passionen über das Werk verstreut sind.
Gut, dass man die ausladenden Text-Partien des Evangelisten einem Fachmann anvertraut hatte. Bernhard Scheffel ist ein versierter Tenor, der mit sauberer, klarer und prägnanter Stimme der Partie Profil verlieh. Begeistern konnte auch Sopranistin Bettina  Lecking, die etwa in ihrer besonders gelungenen Arie „Angenehmes Mordgeschrei“ eben nicht schrie, sondern im Gegenteil mit weicher, glanzvoller Stimme brillierte. Alexander Schubert (Bass) verströmte als Jesus zwar stimmliche Wärme,  schien aber insgesamt eher etwas verbraucht und wackelig. Felicia Friedrich (Alt) machte eine noch weniger glückliche Figur. Engagiert und überzeugend präsentierte sich dagegen neben dem Musikverein besonders auch das Kammerorchester Witten von  Herman Kruse kompetent geleitet.
Viele Menschen strömten am Sonntagnachmittag in die St. Joseph-Kirche. Der Beifall fiel verdient herzlich aus. Dem Musikverein gebührt der Dank, dass er wieder eine Rarität bekannt gemacht hat.

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